Das TRAUM-AUTO wird gekauft!
Hierzu
muss vorausgesetzt werden, dass dieser Kauf 1980 in der ehemaligen DDR stattfand.
Für den "kleinen Mann" war dort der Trabant bereits ein Traumauto,
weil er zehn und noch mehr Jahre davon träumen konnte, bevor er es bekam.
Ich aber träumte von einem VW- Käfer, den man in der DDR aus 2., 3.und
4. Hand kaufen konnte. Also sah ich mich um, und hatte bald Erfolg mit dem Suchen.
Ich bekam für 18.000 Ost-Mark einen 1302 mit 40 PS.
Auf den Straßen der DDR war es üblich, dass sich VW-Käfer-Fahrer
mit Handzeichen oder Lichthupe grüßten.
Es war eine große Freude für mich, nach einiger Zeit feststellen
zu können, wie viele Käfer es doch in unserer Gegend gab. Nach einigem
Nachforschen erfuhr ich, dass es etwa 40.000 Käfer dort gab. Ein Großteil
davon war nicht fahrbereit und stand verhüllt in den Scheunen.
Nach einem Vierteljahr begannen bei mir die Autosorgen. Es stellten sich Verschleißerscheinungen
an meinem geliebten Käfer ein. Nun war guter Rat teuer. Es gab ja noch
vereinzelt Werkstätten für Volkswagentypen, aber die Ersatzteilbesorgung
wurde das Problem für mich.
Da kam mir der Gedanke mit der Gründung eines VW-Käfer-Fan-Clubs.
Auf diese Art und Weise könnte man sich doch kennen lernen und untereinander
Erfahrungen und wenn möglich auch Ersatzteile austauschen.
Gemeinsam mit meinem damals 10-jährigen Sohn Burghard ging ich nun auf
"Käfer-Fang". Wir steckten jedem parkenden Käfer einen kleinen
Zettel an die Frontscheibe mit dem Text: "Hallo Käferfreund! Hast
Du Lust zum Käfertreffen?!" Darunter meine Anschrift und Termin.
An dieser Stelle möchte ich betonen, dass dieses kleine "Unternehmen"
in der DDR nicht erwünscht war, da Zusammenrottungen jeglicher Art verdächtig
erschienen. Ich aber machte mir darüber keine Gedanken, da ich als kirchliche
Angestellte, als Kantorin in Jena- Göschwitz, in diesem Staat eine gewisse
Narrenfreiheit genoss.
Ich bewohnte in Maua, einem kleinen Saaletal-Dörfchen ein großes
Pfarrhaus mit großem Garten. Die Vorbereitungen zum ersten Treffen liefen.
Es war ein sonniger Tag und mein Sohn und ich warteten und lauschten gespannt
auf das Surren der Käfermotoren.
Der erste Käfer fuhr auf das Grundstück. Ein hellblauer mit schwarz-rot-goldner
Stoßstange! Der Fahrer, Christoph Lüdemann, und seine Frau stammten
auch aus Jena. Er stand mir für einige Zeit bei organisatorischen Dingen
zur Seite. Als erstes ließ er über einen Freund ein Emblem mit der
Inschrift: VW-Käfer-Fan-Club Jena entwerfen und als Abziehbild für
die Frontscheibe sowie für unseren Briefkopf herstellen.
Es gab zwar keine Satzung aber Bedingungen wurden jedem Mitglied mitgeteilt.
1. Nur VW-Käferbesitzer und -Fahrer können Mitglied werden.
2. Pannenhilfe mit Ersatzteil-Aushilfe (Die Teile sollten nach Möglichkeit
nach einem halben Jahr dem Vorbesitzer wieder ersetzt werden. Somit konnten
lange Ausfall- und Stillstandzeiten verhindert werden.
3. Keine politischen Diskussionen!
Zum ersten Treffen kamen 10 Käferfreunde. Es war ein guter Anfang. Man(n)
war begeistert und so sprach es sich in der VW-Szene herum. Auch das zweite
Treffen, nochmals in meinem Garten, wurde zahlreich wahrgenommen. Sogar für
passende Musik war gesorgt. Zwei Käfer rollten an und eine Jenaer Dixieland
-Band packte ihre Instrumente aus und sorgte für Heiterkeit und Fröhlichsein.
Große Stimmung, gute Kontakte und was das Wichtigste war, es kam immer
mehr Licht in das Kapitel -Ersatzteilbeschaffung.
Jedes Mitglied bekam unser Abzeichen kostenlos. Nachdem sich immer mehr Käferfahrer
meldeten, organisierten wir die erste Sternfahrt zum Inselsberg. Per Post wurden
die Mitglieder eingeladen.
Um eventuellen Zwischenfällen keine Chance zu geben, meldete ich alle Sternfahrten
den zuständigen Behörden. Meinen Club-Mitgliedern teilte ich bei jedem
Treffen die drei Bedingungen mit.
Leider verließen mich nach einem Jahr Christoph Lüdemann und Frau.
Sie siedelten in die Bundesrepublik über. Es wurde mir erst dann so richtig
bewusst, dass es unter den Käferfahrern doch einige Ausreisewilligen gab.
Alles ging aber weiter. Nach eineinhalb jährigen Bestehen des Clubs, konnte
ich über 80 Mitglieder begrüßen. Und nicht nur aus dem Raum
Jena, sondern aus der gesamten Republik, wie Saalfeld, Suhl, Leipzig, Dresden,
Quedlinburg, Weimar, Berlin u.a.
Wenn wir auch, trotz vorbildlichem Verhalten, von unseren Sicherheitsorganen
Belästigungen und Beobachtungen festzustellen waren, so hat es uns Käferfreunden
dennoch viel Freude gemacht und kaum Angst oder Unsicherheit abverlangt.
Ich bin mir dessen bewusst, dass so mancher durch diesen Club zu lang gesuchten
Ersatzteilen gekommen ist und viele Kontakte geschlossen hat. Das Wenige, was
man auf Schrottplätzen der DDR fand, stand in keinem Verhältnis zu
dem, was hier auf den Autofriedhöfen und Schrottplätzen zu finden
war.
Im März 1984 siedelte ich mit meinem Sohn Burghard nach Österreich
über. Blieb aber in Deutschland. Nach kurzem Einleben versuchte ich Kontakt
zwischen Wolfsburg und meinem Käfer-Fan-Club herzustellen. Ich hatte mit
dem Journalist VJN Herrn Ullrich Werther und Herrn Abele langen Schriftverkehr.
Doch eines Tages erfuhr ich, dass der Staatssicherheitsdienst ganze Arbeit geleistet
hat und das Fortbestehen des Clubs durch Abfangen der Einladungen und massiven
Drohungen verboten hat.